Unsere Arbeit in den Magazinen
Dieser Blogbeitrag stellt die antiken westasiatischen Siegel und Siegelabdrücke des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg vor. Während einige Objekte bereits früher veröffentlicht wurden, werden große Teile der Sammlung erst jetzt systematisch dokumentiert und analysiert. Aktuelle Forschungsarbeiten, Kooperationen und wissenschaftliche Methoden ebnen den Weg für eine umfassende Untersuchung und Präsentation dieses Materials.
Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg
Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (MK&G) wurde 1874 gegründet. Es beherbergt über 500.000 Objekte aus den Bereichen Kunst, Design und Kulturgeschichte, von der Antike bis zur Gegenwart. Dies bietet die seltene Gelegenheit, Objekte aus sehr unterschiedlichen Epochen und Hintergründen miteinander in einen Dialog zu führen. Das Museum ist in 14 Bereiche unterteilt, die alles von antiken Zivilisationen bis hin zu zeitgenössischem Design abdecken. Unter einem Dach finden Sie hier exquisite Handwerkskunst, Mode, Fotografie und sogar avantgardistisches Design. Hier finden regelmäßig Ausstellungen, Vorträge und Workshops statt, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden und neue Impulse für Kunst, Design und Alltagskultur setzen. Kein Wunder, dass es als eines der führenden Museen für Kunst und Design Europas gilt.

Ein echtes Highlight ist meiner Meinung nach die Antikensammlung. Mit über 6.000 Objekten gilt sie als eines der bedeutendsten Museen Deutschlands. Obwohl sie einem breiteren Publikum kaum bekannt ist, verfügt das Museum über eine umfangreiche Sammlung antiker westasiatischer Stempel- und Zylindersiegel sowie einiger versiegelter Keilschriftgegenstände. Viele dieser Stücke warten noch darauf, entdeckt zu werden. Lassen Sie mich Sie also mit auf die Reise nehmen, wie wir auf diese faszinierende Sammlung gestoßen sind.
Wie alles begann
Dieses Vorhaben war von Anfang an eng mit dem KIŠIB-Vorhaben verbunden. Tatsächlich entstand es während der Arbeit an der Projektbeschreibung und deren Ausarbeitung. Als wir die Kernelemente dessen, wofür das KIŠIB-Vorhaben stehen soll, entwickelten, war klar, dass wir auch unbekannte Siegelbestände aus erster Hand dokumentieren wollten. Um verlässliche Daten darüber zu erhalten, wie viele Museen und Institutionen Siegel und versiegelte Objekte besitzen, ohne dass dies einem breiteren wissenschaftlichen Publikum bekannt ist, habe ich eine Umfrage durchgeführt und Hunderte von ihnen in Deutschland kontaktiert. Ich war überrascht von der großen Zahl an Sammlungen, die zumindest einige Stempel- und Zylindersiegel besaßen, sei es in ihren Ausstellungen oder im Lager.
Eine dieser Einrichtungen war das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Die altorientalische Sammlung des MK&G ist jedoch nicht völlig unbekannt: Der größere Teil der Zylindersiegel (40 Stück), die ursprünglich aus der Privatsammlung von J. Jantzen stammten, wurde bereits von Th. Beran (1968) veröffentlicht; eines davon wurde von Zs. J. Földi (2021) prosopographisch neu ausgewertet. Was die Tontafeln und andere keilschriftliche Objekte betrifft, wurde ein beinförmiges mittelassyrisches Adoptionsdokument von S. Franke und G. Wilhelm (1985) veröffentlicht.
Der Kurator der Sammlung für Antike Kunst und Altertümer, Dr. Frank Hildebrandt, hat uns vom ersten Kontakt an sehr unterstützt. Er ermutigte uns 2021, nach Hamburg zu kommen, um uns die Siegel und Tafeln anzusehen. Wir dachten, diese Gelegenheit könnte ein guter Testfall sein, um zu ermitteln, wie viel Zeit wir für die Analyse unveröffentlichten Materials benötigen. Zusammen mit Dr. Zsombor Földi, einem Keilschrift-Experten, der für die Keilschrifttafeln und die Siegelinschriften zuständig ist, machte ich mich mit dem Zug auf eine dreitägige Reise, die voller spannender Eindrücke (im wahrsten Sinne des Wortes), bisher unbekannter Siegel und neuer Erkenntnisse zu bereits veröffentlichtem Material war.

Arbeit an der Sammlung
Es stellte sich schnell heraus, dass die anfängliche dreitägige Bestandsaufnahme des Materials im August 2021 zu kurz war und dass die große Anzahl an Objekten eine eingehende Untersuchung erfordern würde. Dank der Förderung der Deutschen Orient-Gesellschaft konnten wir im Frühjahr 2023 zwei Wochen lang im Museum für Kunst und Gewerbe arbeiten. In dieser Zeit dokumentierten, fotografierten und untersuchten wir 62 Zylindersiegel, 99 Stempelsiegel und 23 keilschriftliche Objekte. Die Objekte stammen aus einem Zeitraum, der von der Vorgeschichte bis zur sassanidischen Zeit reicht. Wir erhielten zudem Zugang zu den Inventarkarten der Objekte, die wertvolle Informationen über deren Erwerbsgeschichte lieferten und uns ermöglichten, ein noch tieferes Verständnis der Sammlung zu entwickeln.

Die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Kurator hat bereits weitere Ergebnisse hervorgebracht: Die Museumsmitarbeiter haben 3D-Aufnahmen der Tontafeln angefertigt. Auch wissenschaftliche Methoden fließen in die Untersuchung der Sammlung ein: Die Steine der Siegel werden von Dr. Stylianos Aspiotis, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mineralogischen Institut der Universität Hamburg, mittels Raman-Spektroskopie analysiert (erste Ergebnisse in Aspiotis et al. 2024). Das bedeutet, dass die Identifizierung von Siegelmaterialien nicht ausschließlich auf makroskopischen Beobachtungen beruhen muss, sondern auch auf wissenschaftlichen Erkenntnissen gestützt werden kann. Die Tontafeln und andere beschriftete Tonobjekte stehen im Mittelpunkt der Forschung von Riccardo Cameli Manzo, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg; erste Ergebnisse erscheinen derzeit im Druck.
Die laufenden Untersuchungen und Analysen der Siegel und Siegelabdrücke werden derzeit von Dr. Zsombor Földi und mir für eine umfassende Präsentation des Materials aufbereitet. Alle diese Siegel werden im Rahmen des laufenden Korpusaufbaus ebenfalls in die KIŠIB-Datenbank aufgenommen. Die Arbeit in Hamburg markiert den Ausgangspunkt für die Erforschung (teilweise) unveröffentlichter Siegelsammlungen durch das KIŠIB-Team im Rahmen dieses Vorhabens. Jedes Jahr wird eine neue Sammlung integriert. Bleiben Sie dran für weitere Neuigkeiten direkt aus den Tiefen der Lagerräume!
Bibliographie:
- Aspiotis, Stylianos – Dietz, Albert – Földi, Zsombor J. – Hildebrandt, Frank – Schlüter, Jochen – Mihailova, Boriana 2024 ‘Material Profiling of Mesopotamian Cylinder Seals by Raman Spectroscopy’, Journal of Raman Spectroscopy 56, 228–242.
- Beran, Thomas 1968 ‘Die altorientalischen Rollsiegel der ehemaligen Sammlung Johannes Jantzen in Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg’, Archäologischer Anzeiger 1968, 103–122.
- Földi, Zsombor J. 2021 ‘Princess Ninlil-tukultī, daughter of Šulgi and a cylinder seal in Hamburg’, Nouvelles Assyriologiques Brèves et Utilitaires 2021/65.
- Franke, Sabina – Wilhelm, Gernot 1985 ‘Eine mittelassyrische fiktive Urkunde zur Wahrung des Anspruchs auf ein Findelkind’, Jahrbuch des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg 4, 19–26.
